Die Widerstandsbewegung im Kreis Meißen nach 1945

Die Gruppe "Triumph"

Es war an einem trüben Herbsttag im Jahre 1951, als in der Stadt Meißen zum wiederholten Male Flugblätter auftauchten, deren Inhalt sich gegen die in der DDR herrschenden Verhältnisse und den von Regierung und SED eingeschlagenen Kurs richtete. Wie bereits bei den vorausgegangenen Flugblattaktionen ging es auch diesmal vor allem um das spurlose Verschwinden von Menschen und die von DDR-Gerichten gegen Regimegegner und Andersdenkende ausgesprochenen Terrorurteile. War es zuletzt das gegen den 18jährigen Oberschüler Hermann Josef Flade aus Olbernhau vom Landgericht Dresden wegen Flugschriftenverteilung verhängte Todesurteil, welches weltweite Empörung auslöste, richtete sich der Protest diesmal gegen die Verurteilung von 18 Oberschülern aus Werdau wegen sogenannter Gruppenbildung und Flugblattverteilung zu insgesamt 124 Jahren Zuchthaus.

Die Reaktion der Passanten, meist Meißner Bürgerinnen und Bürger auf ihrem Weg zur Arbeit, war unterschiedlich. Die meisten von ihnen blieben stehen, um das, was da stand, zu lesen, nicht ohne sich vorher vergewissert zu haben, daß sie dabei unbeobachtet blieben. Andere, vor allem linientreue SED-Genossen, waren eifrig bemüht, die "gefährlichen Hetzschriften" so schnell wie möglich zu entfernen und die Kreisdienststelle des Staatssicherheitsdienstes zu informieren. Dort herrschte an diesem Novembermorgen bereits Alarmstimmung, ging es doch darum, die hinter dieser Flugblattaktion steckenden "feindlichen Elemente" schnellstens zu entlarven und zu verhaften. Doch alle Bemühungen und die angeordnete Beobachtung verdächtiger Bürger durch inoffizielle Mitarbeiter (IM) blieben erfolglos.

Verantwortlich für die seit Anfang 1951 durchgeführten Flugblattaktionen war die im Rahmen der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) in und um Meißen unter dem Decknahmen "Triumph" arbeitende Widerstandsgruppe, der neben dem damals im VEB Zuckerraffinerie Meißen beschäftigten Autor dieser Dokumentation der SVK-Angestellte Günter Büttner angehörte. Beide hatten bereits unmittelbar nach ihrer Rückkehr aus Krieg und Gefangenschaft noch vor Gründung der DDR unabhängig voneinander damit begonnen, Namen und Adressen von spurlos verschwundenen Personen zu sammeln und darüber Listen anzufertigen, die sie nach Westberlin brachten.

Bei einer ihrer Fahrten dorthin trafen sie sich zufällig auf dem Weg zur Zentrale der 1948 gegründeten Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, welche noch zu dieser Zeit ausschließlich den gewaltlosen Widerstandskampf in der DDR aktiv unterstützte. Beide beseelt vom kategorischen Imperativ Kantís ("und handeln sollst Du so......") , entschlossen sie sich dort schließlich, künftig gemeinsam etwas gegen das stalinistische Unrechtssystem zu unternehmen. Anlaß zu ihrem Handeln gab nicht zuletzt auch ihr persönliches familiäres Schicksal; das spurlose Verschwinden des Vaters sowie von Verwandten und Freunden, deren Tod in einem der vom sowjetischen Geheimdienst NKWD wieder in Betrieb genommenen Nazi-KZís nie amtlich bestätigt, geschweige denn den Angehörigen mitgeteilt wurde.

Das Material, welches sie zur Aufklärung der Bevölkerung benötigten, beschafften sie sich auf abenteuerlichen Wegen aus Westberlin. So fuhr, um den in öffentlichen Verkehrsmitteln üblichen Kontrollen zu entgehen, der Autor, das gefährliche Material am Körper versteckt, sogar mehrmals mit dem Fahrrad von Meißen nach Berlin und zurück, immer in Gefahr, dabei unterwegs doch einmal kontrolliert und verhaftet zu werden. Und was das bedeutete, darüber waren sich beide völlig im klaren.

Als sich später angesichts der sich in der DDR häufenden Verhaftungen schließlich der Verdacht des Verrats in der Westberliner Zentrale bestätigte, brach die Gruppe ihre Verbindung dorthin zunächst ab. Es begann eines der tragischsten Kapitel der einst gegen Unmenschlichkeit angetretenen Organisation. Was war geschehen? Begünstigt durch völlig ungenügende Sicherheitsmaßnahmen war es dem Staatssicherheitsdienst der DDR gelungen, mehrere Spione dort einzuschleusen, denen schließlich viele Namen und Adressen von Mitgliedern der auf dem Gebiet der DDR arbeitenden Widerstandsgruppen in die Hände fielen. Opfer des unverantwortlich leichtsinnigen Umgangs mit diesen Daten in der KGU-Zentrale wurden letztendlich diejenigen, die in der DDR mutig und entschlossen Widerstand leisteten und für Freiheit und Demokratie eintraten.

So geriet auch die Meißner Widerstandsgruppe "Triumph" Anfang 1953 ins Visier der Stasi. Günter Büttner wurde in den Nachmittagsstunden des 12. März 1953 beim Verlassen eines Geschäftes auf der Neugasse von mehreren Stasi-Leuten in ein bereitstehendes Auto gezerrt und weggebracht, während die Verhaftung des Autors, der seit 1952 als Sportlehrer an der Grundschule in Zehren tätig war, in der darauffolgenden Nacht zum 13. März erfolgte. Dazu sein folgender persönlicher Bericht:

"Es war die Nacht vom 12. zum 13. März 1953, die mir ewig in Erinnerung bleiben wird. Nachdem ich meine Unterrichtsvorbereitungen für den nächsten Tag getroffen und mich gegen Mitternacht zum Schlafen hingelegt hatte, wurde ich gegen 1.00 Uhr durch Schritte im Hof aus dem ersten Schlaf gerissen. Dann plötzlich anhaltendes Klingeln und starkes Klopfen an der Wohnungstür. Als ich mir kurz etwas übergezogen hatte und die Tür öffnete, blickte ich in ihre eiskalten Gesichter. Als ich ihre Frage: "Sind Sie Herr Hofmann?" bejaht hatte, sagten sie, daß sie vom Amt für Staatssicherheit wären und sich mit mir "unterhalten" möchten. Und das kurz nach Mitternacht! Also "Anziehen und mitkommen!" So blieb mir nur wenig Zeit, um mich noch von meiner Mutter zu verabschieden, die mit angstgeweiteten Augen vor mir stand und den ganzen mitternächtlichen Spuk kaum begreifen konnte, war doch auf die gleiche bzw. ähnliche Art und Weise mein Vater vor Jahren spurlos verschwunden und nie wieder zurückgekehrt. Ein trotz angelegter Handschellen vor der Haustür unternommener Fluchtversuch scheiterte, da das Haus umstellt war.

In das bereitstehende Auto gestoßen, brachte man mich zunächst in jene Villa auf dem Plossen, in der sich damals die Stasi eingenistet hatte. Dort sperrte man mich, nachdem man mir vorsorglich Hosenträger und Schnürsenkel abgenommen hatte, zunächst für kurze Zeit in eine Kellerzelle. Danach ging es in rasender Fahrt weiter in Richtung Dresden an einen mir damals unbekannten Ort; Stasi-Zentrale Proschhübelstraße. "Sie befinden sich hier beim Ministerium für Staatssicherheit", eröffnete man mir dort und als ich mich auf ihre Frage: "Wissen Sie, warum Sie hier sind?" ahnungslos stellte, erfuhr ich schließlich, daß ich "ein ganz gefährlicher Spion" sei.

Also ab in den Keller, Einzelzelle im Ausmaß etwa zwei mal drei Meter, ohne Tageslicht und ohne Sitzgelegenheit, aus dem ich fast drei Monate nicht mehr herauskam. Einziges Inventar außer einem Kübel für die Notdurft eine an der Wand hochgeklappte und mit einem Vorhängeschloß versehene Pritsche, welche nur abends zum Schlafen unter eine ständig brennende Lampe gestellt wurde, wobei selbst die Schlafstellung vorgeschrieben war.

Drei Schritte hin, drei Schritte zurück, das war in den folgenden Wochen und Monaten der Tagesablauf, wobei das Gehirn ständig arbeitete: Was wissen die? Was können die nicht wissen? Vorbereiten auf die ständigen Verhöre, welche in der Regel nachts, nachdem man endlich eingeschlafen war, soweit man unter diesen Umständen überhaupt von Schlaf reden kann, stattfanden und bei denen man aus uns unbedingt das Geständnis, bezahlte westliche Spione zu sein, herauspressen wollte. Trotz aller Drohungen: "Wir können Sie in Ihrer Zelle verfaulen lassen.!" gelang dies ebensowenig wie die Preisgabe der Namen und Adressen unserer Freunde und Sympathisanten.

Anfang Juni schließlich wurde ich in das Untersuchungsgefängnis am Münchener Platz eingeliefert. Dort befand ich mich auch am 17. Juni 1953, dem Tag des Volksaufstandes in der DDR. Unsere Hoffnung auf eine gewaltsame Befreiung, wie dies z.B. im "Roten Ochsen" in Halle sowie in anderen Städten der Fall war, sank, als wir draußen die Ketten der sowjetischen Panzer, die den gesamten Komplex umstellt hatten, rasseln hörten. Statt dessen füllte sich das Gefängnis bald mit den Teilnehmern am Aufstand, so daß es zu einer totalen Überbelegung der Zellen kam. Zwei-Mann-Zellen, mit bis zu sechs und mehr Mann belegt, war die Regel. So warteten wir schließlich auf unsere Verurteilung."

Der Prozeß gegen die Meißner Widerstandsgruppe "Triumph", zu der auch der Dresdner Student Werner Jahn gestoßen war, fand schließlich am 25.09.1953 vor dem 1a-Strafsenat des Bezirksgerichts Dresden unter strengstem Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Der Ermittlungsbericht der Stasi, auf den sich die Anklage stützte (beide Dokumente bekam der Autor erst nach fast 40 Jahren bei seinem Einblick in die Stasi-Akte in die Hände) , war ein einziges Lügengespinst und voll von falschen Beschuldigungen, wie der folgende Auszug aus der im damaligen kommunistischen Jargon verfaßten Anklageschrift zeigt:

"Die Beschuldigten Jahn, Büttner und Hofmann sind bezahlte Agenten der vom amerikanischen Geheimdienst geleiteten Verbrecher- und Spionagezentrale, der sogenannten Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit.

Im Auftrage dieser Agentur führten sie seit August 1951 Spionage, Sabotage und Massenterror in Form von Hetzflugblattverteilung im Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik durch.

Die Beschuldigten haben durch ihre verbrecherische Tätigkeit die Kriegsvorbereitungen der imperialistischen Kriegstreiber sowie ihrer westdeutschen Helfershelfer unterstützt und versucht, die friedliche Aufwärtsentwicklung der Deutschen Demokratischen Republik zu stören."

Nach dem berüchtigten Artikel 6 der Verfassung der DDR und in Verbindung mit der Kontrollratsdirektive 38 wurden

Günter Büttner zu 8 Jahren Zuchthaus

Werner Jahn zu 7 Jahren Zuchthaus

Gerold Hofmann zu 5 Jahren Zuchthaus

verurteilt, die sie zum größten Teil im berüchtigten Bautzener "Gelben Elend" und in Waldheim verbüßten.

Das Urteil wurde auf Beschluß des Bezirksgerichts Dresden vom 11.11.1991 aufgehoben und die Betroffenen rehabilitiert.


"Ein Beitrag gegen das Vergessen." Auszug aus der Broschüre "Im Visir der Stasi", geschrieben von Gerold Hofmann aus Meissen